Ägypten ist für mich nicht nur ein Fleckchen Erde, es ist für mich die Wiege der Zivilisation. Es ist Mutterland in der Geschichte der Menschheit, und dafür verdient es, was auch immer aus ihm wird, die Anerkennung und Achtung aller Nationen, so wie auch alle Eltern die Achtung ihrer Kinder verdienen, selbst wenn sie ihnen an Reichtum, Wissen und Macht unterlegen sind. – Naguib Mahfouz
Naguib Mahfouz ist eine Ausnahmeerscheinung der Gegenwartsliteratur. Der Chronist Ägyptens wurde 1911 in Kairo geboren und verbrachte seine ersten 12. Lebensjahre in Gamalija, einem Stadtteil von Kairo, in einem Haus in der Kirmisstraße mit Blick auf den Bait al Kadi Platz. Dort besuchte er die Bain – al Kasrain Grundschule in der Nähe der Az’har – Moschee. An der King Fuad University (später Kairo Universität) studierte er Philosophie.
Die Altstadt Kairos, der Ort an dem er seine Jugend verbrachte, führt er uns in den meisten seiner Bücher. Er, der „Vater des ägyptischen Romans“ wie er genannt wird, der „Balzac Ägyptens“ oder einfach nur der „Meister“ sieht sich selbst lediglich als einen Geschichtenerzähler. Aber er ist noch viel mehr als das. Naguib Mahfouz repräsentiert die andere Welt – die kolonialisierte Welt. Er schafft es den Leser in die Gefühlswelt Ägyptens zu entführen, die er beschreiben kann, wie es kein anderer vermag. Ein Buch von ihm zu lesen heißt, sich auf eine charakterliche Vielfalt der Figuren und auf ein unvergleichbares soziales Panorama einzulassen. Und dafür wurde er 1988 in Stockholm mit dem Nobelpreis geehrt. Nagib Mahfouz ist der erste arabische Schriftsteller, der in den Olymp der Literatur aufgestiegen ist.
Der Nobelpreis brachte ihm den Durchbruch und Morddrohungen. Seine Bücher werden als reichhaltiges Nachschlagewerk für den Kampf eines Volkes für Freiheit und Selbstbestimmung bezeichnet, als „Höhepunkte moderner arabischer Geistesgeschichte“ aber auch als „unislamische Literatur“ betitelt. In Ägypten und der islamischen Welt löste die Verleihung des Preises eine Kontroverse aus. Man war sich uneins darüber ob der Preis nun als Ehre für die arabische Welt zu sehen ist, oder ob der Westen durch ihn lediglich die Unterstützung der Sadat’schen Regierung und die Verhandlungen in Camp David und somit die Annäherung an Israel honorierte.
Im Zentrum der Kritik der „Shuyukh al Azhar“, wie Mahfouz sie zu nennen pflegt, stand und steht noch heute, „Die Kinder unseres Viertels“ (Aulad Haratina). In diesem Buch entledigt er die menschliche Entstehungsgeschichte ihres Übermenschlichen und präsentiert sie uns nackt, ohne den religiösen Glamour verpackt in den Mikrokosmos einer ägyptischen Gasse. Adam, Moses, Jesus, Muhammad und Gott, alle sind sie da, wobei er sich nur soweit an die schriftlichen Überlieferungen hält als es das Verständnis des Lesers erfordert. Für die Opponenten Nagib Mahfouz’ stellt dieses Buch die Basis des Kufr und Aposthasie Vorwurfs dar. Sie sehen es als Beweis dafür, dass er die Existenz Gottes in Frage stellt, den Islam verunglimpft und religiöse Werte verhöhnt. Das sei allein schon daran zu erkennen, dass der Roman aus 114 Kapiteln bestehe, argumentieren sie.
Zugegebener Maßen mag es zunächst verunsichern Moses als Schlangenbeschwörer, Adam als einen armen Bettler oder Gott in Form des despotischen Gabbalawi wieder zu erkennen. Man fragt sich, warum das Buch nicht nach Kasim (Mohammad) endet. Aber Nagib Mahfouz hat seine eigene Wahrheit und so widmet er das größte Kapitel Arafa. Dem Zweifler. Er symbolisiert die Wissenschaft und die Vernunft. Er wartet nicht auf Wunder oder darauf, dass Gabbalawi aus seinem Haus kommt und den Bewohner der Gasse das Leben erleichtert. Seiner Meinung nach kann nur die Wissenschaft Wunder vollbringen und aus diesem Grund nimmt er sein Leben in die eigenen Hände und kämpft gegen seine Unterdrücker – und verursacht damit den Tod Gabbalawis. Für Kritiker in den Reihen der Muslime mag vielleicht die Tatsache schockierend sein, dass Gott tot ist. Aber viel aussagekräftiger wiegt wohl, dass Arafa, der Zweifler, Gabbalawi der Liebste war.
Was will er uns damit sagen? Wie zu erwarten, hatte nach der Veröffentlichung des Romans jeder seine eigene Antwort auf diese Frage. Vielleicht will er uns auf die gähnende Kluft zwischen religiösem Ideal und Wirklichkeit hinweisen. Oder ist es doch die Kritik an dem Nasser Regime die unter dem Deckmantel der Menschheitsgeschichte hervorblitzt, oder haben doch die Radikalen Recht und er will tatsächlich die Wissenschaft an die Stelle Gottes setzen?
Es fällt leicht sich vorzustellen, wie Mahfouz mit einem spitzbübischen Lachen auf dem Gesicht, amüsiert über die Verwirrung und Diskussionen, die dieses Buch ausgelöst hat, sich zufrieden zurücklehnt und einen Kaffee trinkt, zumal er Aulad Haratina als eines seiner besten Bücher bezeichnet.
Naguib Mahfouz kennt keine falsche Scham, er kennt kein Zaudern oder Zögern, er beschreibt die Menschen ehrlich und scheut sich nicht Dinge offen auszusprechen. Auch wenn er damit nicht gefällt. Denn abgesehen von dem Vorwurf der Blasphemie und der Aposthasie wirft ihm das radikale Lager Sexbesessenheit in seinen Büchern vor. Seine Haltung zu Moral und zur Sexualität sei schockierend und sittenlos.
Ein Provokateur? Als das wurde Naguib Mahfouz leider allzu oft verstanden. Vor allem nach dem Attentat 1994 auf ihn musste man sich in Ägypten fragen, was man noch offen kritisieren darf, ohne auf dem Radar der islamischen Rechten aufzutauchen. Er wollte gerade ins Auto steigen, um zu seinem allwöchentlichen Vortrag zu fahren, als er wie er dem Sender France 3 berichtete, plötzlich das Gefühl hatte, „als habe ein Ungeheuer mir seine Krallen in den Hals geschlagen.“
Das Attentat auf Naguib Mahfouz sorgte für Bestürzung in Ägypten. Hatte er sich die letzten Jahrzehnte doch in Kairo bewegt, wie ein Fisch im Wasser: Frei von jeglichen Berührungsängsten mit der Bevölkerung. Die Wochenzeitschrift „Al- Ahali“ reagierte auf das Attentat mit der Veröffentlichung des Textes von Aulad Haratina in einer Spezialausgabe zu einem Pfund das Stück. Damit sicherten sie ihm die Unterstützung des Volkes zu, denn von nun an war der Kampf gegen den Extremismus nicht mehr nur die Angelegenheit Naguib Mahfouz, sondern auch eine Sache des Volkes.
Auch der Staat spielt eine Rolle in der Entwicklung einer Gesellschaft. Und so kommen wir als Leser nicht um das Vergnügen die Meinung des Meisters, ich meine natürlich die Meinung seiner Figuren zur Politik zu genießen. Speziell die Trilogie spiegelt die sozialen und politischen Veränderungen Ägyptens wieder, das sich in der Opposition zur kolonialen Unterdrückung befindet. Der Leser kann die Entwicklung von drei Generationen verfolgen. Im dritten Teil der Trilogie, der bezeichnend für das politische Klima nach der ägyptischen Revolution von 1952 ist, kommt es in einer Gefängniszelle zu einem Dialog zweier Brüder, der die Ironie des Sadat – Regierung aufzeigt.
Abd al Munim, der bekennende Muslimbruder: „Haben die mich tatsächlich ins Gefängnis gesteckt, weil ich Gott diene?“
Daraufhin flüstert Ahmed der Kommunist schmunzelnd: „Was soll ich erst sagen? Bei mir gibt es nicht einmal diesen Grund.“
(© Sahra Gemeinder, 2005)
Bücher von Naguib Mahfouz:
Die Kinder unseres Viertels
Der letzte Tag des Präsidenten
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